

Zitat aus LICHT UND ZEIT, herausgegeben von Gernot Böhme und Reinhard Olschanski, Wilhelm Fink Verlag. 3. Zur Aesthetik von Licht und Zeit. Eva Schürmann, Zeitlichkeit als Form und Inhalt der ästhetischen Erfahrung, Seite 104. “In der Selbstpräsenz der künstlerischen Mittel und ihrem ikonischen Eigenwert fällt die Zeit als Form der ästhetischen Erfahrung mit ihrem Inhalt zusammen.”
Siehe auch GAZA (STARS / CITIES)

Seit 20 Jahren sammle ich diese Zeitungsausschnitte. Die kleinen Bilder zeigen die Konfliktherde im Balkan, im nahen und mittleren Osten. Diese Bilder werden als Scans im Photoshop weiter bearbeitet, alle Städtenamen, alle geographischen Informationen und alle andern schriftlichen Daten werden aus den Bildern getilgt. Die so “gereinigten Bilder” werden gespiegelt und als ornamentale Bilder gespeichert oder auch ausgedruckt.







Aus dem Journal MATERIAL und ERINNERUNG
15. 09.2009
Heute habe ich die 24 Acrylfarbvolumina von Littau in die Lädelistrasse gebracht, wo sich die Forschungsbüros der beiden Institute von Design & Kunst der Hochschule Luzern befinden. Die Farbteile werden dort für eine beschränkte Zeit als Büroschmuck installiert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich ein Farbobjekt wählen und dieses an ihrem Arbeitsplatz irgendwo aufstellen Die Farbobjekte können auch nach 
paar Tagen oder Wochen ausgetauscht werden, so dass sich die Installation laufend verändert.
Acrylfarbhäute können, wenn sie nicht gerade in einer Ausstellung gezeigt werden, auch als Bodenschutz in der Küche benutzt werden. Acrylfarbe ist reissfest, elastisch, beidseitig nutzbar und lässt sich gut reinigen. Wird die Oberfläche unansehlich, kann nach gründlicher Reinigung ein frischer Farbanstrich aufgetragen werden.



18.08.2009
Nicole Marsch (Textildesign) hat heute bei mir im Studio einige Acrylfarbscheiben ausgesucht, um in einem Versuch die Schnittbilder als Ausgangsmaterial für einen Stoffentwurf zu nutzen. Wie sie mir in einer Meldung vom 21.08 schreibt, kommt sie gut voran mit ihrer Arbeit. Ich bin sehr gespannt auf die ersten Resultate.
10.09.2009
Heute hat mir Nicole Marsch ihre Versuche gezeigt. Das Hauptstück besteht aus einer 5m langen und 1.45m breiten bedruckten Baumwollbahn. Es handelt sich dabei um einen digitalen Inkjetdruck. Da ist kein Rapport wie man das von üblichen Stoffmustern her kennt zu sehen. Da liegt eine grosse Überraschung vor meinen Augen. Ich liebe diesen unbändigen, schnellen, farbigen Fluss mit seinen Gegenschnitten und Widerwassern seinen Aus- und Einbrüchen, ich liebe diese kontrollierte Wildheit. Irgendwie bin ich berauscht.

DAS WERK REZYKLIERT SICH ALS WERKZEUG / SCHNITTSTELLEN
Indem das Werk aus provisorischen Fragmenten besteht, welche in unterschiedlichen Situationen jeweils neu zu einem zwischenzeitlichen Ganzen arrangiert werden, ist die angestrebte Offenheit, Durchlässigkeit, Empfänglichkeit, Beweglichkeit und
Entwicklungsmöglichkeit des Werks gegeben. (Stefan Gritsch,
ACRYFARBVOLUMINA – eine bewegliche Sammlung, Kunst im öffentlichen Raum, Institut für Robotik ETH Zürich.) Durch die Vertauschung, Gleichsetzung oder Gleichschaltung von Artefakt und Werkzeug im Zuge der Werkentwicklung entstehen neue Möglichkeiten der Arbeitsweise und auch der
Rezeption. Durch die Zerlegung oder Tranchierung eines bereits bestehenden Acrylfarbvolumens entsteht beispielsweise eine Reihe von Druckstöcken von denen jeweils zwei Bilder, eines von der Vorderseite und eines von der Rückseite der Tranche, abgezogen werden können. So wird die innere Struktur des Acrylfarbkörpers als gedrucktes Bild sichtbar. Das Artefakt rezykliert sich als Werkzeug. Das Bild an der Wand ist im Auge des Betrachters immer ein Werkzeug in dem Sinne, als dass es als Initiator und Spiegel für das Reflektieren des Ausstellungsbesuchers wirkt.
„BLUE CUTS“ (INNERE BILDER)
02.03.2009 (08.02.20110)
Mit diesen „ERINNERUNGSBILDERN“ möchte ich etwas extrem „AEUSSERES“ machen. Ich denke da an bedruckte Stoffe für Kleider, für Accessoires oder für Vorhänge (oder Tapeten / PAPIERS PAINTS)
„Blue Cuts“ heißen alle Acrylfarbvolumina, welche innerhalb der kommenden ca. 12 – 18 Monate in 2 oder mehrere Teile (Tranchen/Scheiben) geschnitten und nach dem Registrieren (Einscanen) der Schnittbilder (Spiegelbilder) wieder mit blauer Farbe zusammen geklebt werden (oder die beiden Schnittflächen/Schnittbilder werden mit blauer Farbe überstrichen, oder beiden Teile bleiben offen und getrennt. Pro Teilung/Schnitt soll situationsgemäß entschieden werden).
Siehe auch DIE FALTE, Gilles Deleuze, Leibniz und der Barock (Originaltitel LE PLI, Leibniz et le baroque), surkamp taschenbuch wissenschaft 1484 Suhrkamp Verlag Frankfurt, ISBN 3-518-29084-3, Seite 61 und folgende.


FORSCHUNG (aus Stefan Gritsch, Ein Schnitt in die Farbhaut oder das aufgeschobene Bild, ein Versuch zur Malerei und Zeichnung 2007): Als Forschung bezeichne ich die Suche nach etwas, das ich noch nicht kenne, noch nicht in den Händen habe, die Suche nach etwas, von dem ich als Künstler vor allem nicht weiss wie es aussieht. Dieses unbekannte, verführerische Objekt, das noch im Innern verborgen oder im Entfernten liegt, sich vielleicht als Vision ankündigt, lässt mich nicht mehr los, ich bin mittendrin in einem Ablauf, der mich wieder einmal mehr an den Wendepunkt, in die schöne Krise führt, wo ich mir so lange etwas vormachen kann, bis ich meinen starren, fokussierenden Blick eintausche gegen das unruhige, unsichere Schweifen auf Ab- und Seitenwegen, wo sich alles zerschlägt, und wo das Visuelle als schöne Entstellung der Vision sichtbar wird. Endlich Enttäuschung. Plötzlich diese Sicht.
- ENTSTELLUNG (siehe auch Louis Marin, Von den Mächten des des Bildes, diaphanes, Zürich-Berlin 2007, Seite 288 – 299. „Transfiguration – Defiguration, Verklärung – Entstellung“
Im Photoshop bearbeiteter Scan einer Acrylfarbtranchec, ca. 14 x 7 cm

TECHNIK
Schneiden und andere Formen des Teilens und Zerlegens, aber auch das Zusammensetzen von Fragmenten oder die Schaffung neuer Beziehungen einzelner Teile zu- und untereinander sind in meinem Werk künstlerische Zugriffe auf dem Weg zu einer neuen Form des Ausdrucks; zu einer Form, die sich oft schon in der Vorstellung ankündigt und sich im künstlerischen Prozess als realisierbar erweist oder sich eben erst nach einer Reihe von spontanen Zugriffen als gelungen einstellt. Die Akkumulation und Anwendung von Wissen, das Entwickeln spezifischer Techniken und die konkrete Realisation des künstlerischen Werks verlaufen synchron. Künstlerische Projekte tendieren dazu, einen komplexen und prekären Gegenstand des Ausdrucks zu realisieren. Unter Technik verstehen wir das optimale Zusammenspiel von Material, Verstand und Sensibilität.

08.02.2010
Die Arbeit Stefan Gritsch, Acrylfarbvolumina (seit 1989) ist a priori eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen ZEIT und nicht in erster Linie eine Beschäftigung mit Erscheinung und Materialität von Farbe. Diesem Aspekt ZEIT soll die Arbeit RECYCLING (Erinnerung und Material) gewidmet sein und visuell (als visuelle Form) kommuniziert werden.
BILDKOMPOSITION (die Teile und das Ganze)
Die Anzahl massiver Acrylfarbvolumina wächst seit 20 Jahren stetig an. Die immer gleichen Farbstücke treten an verschiedenen Ausstellungsorten in neuen Konstellationen auf. Einzelne Stücke verändern sich im laufe der Jahre. Sie erhalten neue Farbkappen, schliessen sich zu Konglomeraten zusammen und wachsen so zu immer grösseren und schwereren Farbkörpern aus. In geeigneten Ausstellungsräumen werden die Farbstücke auf Tischen ausgelegt. Der Tisch als Ort für die Malerei: „Stillleben mit Farbstücken“. Im Kunstraum Fuhrwerkswaage Köln hatte ich für die Zeit vom 7. bis zum 28. Mai 2000 ungefähr 110 – 120 Farbstücke auf einer Tischfläche von 600 x 450cm zu einem Stilleben angeordnet. Die Präsentation der Farben auf „Körperhöhe“ – die Tischhöhe beträgt 120cm – ist eine Einladung, sich als Ausstellungsbesucher schauend und berührend um das Stillleben zu bewegen. Die vom Künstler festgelegte Komposition erweist sich im Auge des Betrachters als etwas Veränderliches, Vorläufiges oder Vorübergehendes. Den festen Standpunkt gibt es nicht. Und das provisorische Bild wird bald abgebaut.

STILLNOW (Acrylfarbe 1990/2009), Kunstmuseum Luzern (Jahresausstellung
2009/10)

STILL LIFE
Ich habe damit begonnen, aus bestehenden Acrylfarbvolumina Stillleben zu stellen und diese zu photographieren. Dabei sind mir die Form der Farbteile und die Verteilung der Teile bezüglich des photographischen Ausschnitts wichtig, eine Komposition auf den Bildrand hin. ich habe mich deshalb für Schwarzweissbilder entschieden.
Seit 20 Jahren sammle ich Grafiken aus Zeitungen, welche Kriegsschauplätze auf unserem Planeten zeigen. Diese Grafiken werden zuerst einmal durch verschiedene Zugriffe im Photoshop “neutralisiert”, das heisst alle Städte-, Landes- und Meeresbezeichnungen werden aus der Grafik heraus gelöst. Anschliessend wird das Grafik einmal gespiegelt, so dass sich ein ornamentales Bild zeigt (siehe ORNAMENTAL). Durch andere bildnerische (phototechnische) Zugriffe auf diese Grafiken entstehen Bildserien unter dem Titel ‘STARS/CITIES’.