19.09.10, stefan
category: artwork, research, tool

FORSCHUNG

Als Forschung bezeichne ich die Suche nach etwas, das ich noch nicht kenne, noch nicht in den Händen habe, die Suche nach etwas, von dem ich als bildender Künstler vor allem nicht weiss wie es aussieht. Dieses unbekannte, verführerische Objekt, das noch im Innern verborgen oder im Entfernten liegt, sich vielleicht als Vision ankündigt, lässt mich nicht mehr los, ich bin mittendrin in einem Ablauf, der mich wieder einmal mehr an den Wendepunkt, in die schöne Krise führt, wo ich mir so lange etwas vormachen kann, bis ich meinen starren, fokussierenden Blick eintausche gegen das unruhige, unsichere Schweifen auf Ab- und Seitenwegen, wo sich alles zerschlägt, und wo das Visuelle als schöne Entstellung der Vision sichtbar wird. Endlich Enttäuschung. Plötzlich diese Sicht. Stefan Gritsch in STILLNOW, Ein Schnitt in die Farbhaut oder das aufgeschobene Bild, akkuH Hengelo und Phoebus Rotterdam, ISBN 978-90-815041-1-9. 2010


Künstlerische Projekte tendieren dazu, einen komplexen und prekären Gegenstand des Ausdrucks zu realisieren. Stefan Gritsch in ACRYLFARBVOLUMINA. Acrylfarbe als plastisches Marterial. Herausgeber: Hochschule Luzern Design&Kunst. 2005




19.09.10, stefan
category: artwork

Abreissbild 2010, Acrylfarbe, Leinwand, (Ausschnitt), Originalformat 30 x 20 CM

Risse

Wir denken bei Stefan Gritsch unwillkürlich an den Komplex der Acryfarbvolumina, die sein Schaffen in den letzten Jahren entscheidend geprägt haben. Die damals aufgeworfenen Fragestellungen werden zwar weiterverfolgt, aber die Erscheinungsformen der Artefakte tendieren vermehrt zu einer dominierenden Bildlichkeit, wiewohl sie noch immer einer dezidierten Körperlichkeit verhaftet sind. Kürzlich im Atelier des Künstlers fand ich mich in einer Atmosphäre, die mich unwillkürlich an Dürer und Kepler gleichzeitig denken liess, denn mitten im normalen Chaos ging der Blick durch Glasscheiben auf eine Bildvorlage inmitten der Gegebenheiten des Arbeitstisches während sich dieser – je nach Blickwinkel – als dieses oder jenes Stilleben in einem Spiegel reflektierte, und ein innen schwarzer Kasten auf Stativ führte den Blick wie in einem Observatorium schräg gegen den Himmel. Immer waren bei diesen Betrachtungssituationen Bilder im Spiel: schicksalhafte „Sternbilder“ des Weltstreits hier, in eine Cadrage gefasste Ansichten als reale und als virtuelle Darstellung dort. Ideell berührt werden Bereiche der Wahrnehmung zwischen Ansicht und Durchsicht, und evoziert wird nicht zuletzt die andere Seite, so etwas wie die Rückenansicht.

Weitere Anhaltspunkte für Assoziationen zur Interpretation finden sich in den aufgeladenen Textfragmenten auf einer Reihe von kleineren Formaten aus dem Jahre 2007: FACE, FACT, DEPTH, MIRROR oder ABYSS. Sie entstanden im sogenannten Abreissverfahren, das Gritsch aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit Drucktechniken, insbesondere aus seiner Faszination für die Monotypie entwickelt hat. Die Buchstaben wie auch alle anderen Motive sind aus Holz geschnitten und mit Acrylfarbe eingefärbt. Der Druckstock wird nun mit der grundierten Leinwand verbunden und für eine gewisse Zeit zu einer Einheit zusammengepresst, um nach dem Trocknen der Farbe auseinander gerissen zu werden. Die Farbe auf dem Druckstock verbindet sich mit der Grundierung und reisst diese weg, auf der Leinwand bleibt die Negativform der Darstellung: da wo jetzt das Motiv sichtbar wird ist eigentlich nichts, nur die leere Leinwand. Dieses Abreissverfahren beruht letztlich auf einer Verletzung, und insofern verweist es indirekt auf frühe Malereien Gritschs, die von Schnitten ins Bild und Verklebung der Ränder charakterisiert waren.

In diesen frühen Malereien finden wir zum Teil auch eine divisionistische, leicht segantinesk anmutende malerische Vorgehensweise, deren Echo möglicherweise auch auf den neueren Grossformaten dieser Ausstellung nachklingt. Sowohl LIBANON als auch SOMALIA 82007) sind Doppelbilder: allerdings nicht Diptychen im eigentlichen Sinne, sondern eher wie Bild und Nachbild ineinander überlagernd. Die eine grundierte Leinwand eines Doppels zeigt im Abreissverfahren erzeugte Punkte, die von der Art geographischer Kärtchen abgeleitet sind, mit denen in Zeitungen die Krisen- und Konfliktgebiete der Welt vereinfacht dargestellt werden – und auf einer anderen Werkebene als feine Löcher im schwarzen Karton die besagten Sternbilder in der erwähnten Camera obscura produzieren. Die gleichen Katastrophenpunkte markiert Gritsch mit Bleistift auch auf der zweiten Leinwand, wo die Kristallisationspunkte für die sich in drei Schichten manifestierende Malerei bilden. Die Punkte bezeichnen hier ein untergründiges Beziehungsnetz und Spannungsfeld, das mit feinen malerischen Setzungen in Valeurs von Rot, Gelb und Blau zuerst im Detail zu Zonen eingekreist wird, um in weiteren, jeweils konträren, schon fast impressionistischen Pinselsetzungen eingeebnet zu werden. Die der Grund-Spannung immanente Dynamik überträgt sich als visuell oszillierende Schwingung auf die Oberfläche der Farbhaut und an die Ränder des Geschehens.

Max Wechsler, 2008

18.09.10, stefan
category: artwork, content, recycling


Stefan Kunz, Kurator und stellvertretender Direktor Aargauer Kunsthaus, Aarau schreibt im Katalog Yesterday Will Be Better folgenden Text: Vor uns steht eine Vase – oder ist es das Ebenbild einer Vase? Ein archäologisches Fundstück? Oder Kunst? Mit ihrem seitlichen Schnitt ist sie nicht funktionstauglich, mit ihrer undefinierbaren Farbigkeit wenig attraktiv und durch ihre raue Oberfläche wirkt sie relativ plump. Ihre Besonderheit liegt vielmehr darin, dass Stefan Gritsch eine neue Form gefunden hat, die seine Werkentwicklung verkörpert, inhaltlich und materiell.Er bemüht nicht einfach den Topos des Gefässes als Metapher für das Bild, sondern realisiert physisch, was andere zeichenhaft formulieren: Mit gesammeltem Recyclingmaterial seiner bildnerischen Produktion hat er den Mantel um eine Vase gelegt und damit das Innere nach aussen gekehrt, den Inhalt zur Form gemacht.

Die Form bleibt als Erinnerung, als Idee zurück. Das hat im Schaffen von Gritsch durchaus Methode: Spätestens seit Ende der 1980er-Jahren betreibt er seine bildnerische Untersuchung, die das eigene Werk einer permanenten Metamorphose unterzieht. Alles, was er schafft, wird in einen dialektischen Prozess eingebunden. So hat er aus der Verneinung des Bildes heraus gemalt, mit Tipp_ex und Seife. Mehr und mehr begann er zu recyclen und gewann aus älteren Werken immer wieder den Werkstoff für neue. Dabei folgte er stets dem Credo, dass sich im Bereich der bildenden Kunst der Gebrauch und das Aneignen von Wissen nicht von der Erfahrung trennen lassen und das prozesshafte Arbeiten deshalb ein notwendiger Bestandteil der Arbeit ist.

So wie die Vase aus dem Rohstoff der Kunst geformt ist und die ganze Erfahrung des bisherigen Schaffens in sich trägt, steht sie auch inmitten einer neuen Werkgruppe von Gritsch. Diese kreist um das Thema des Stilllebens und tendiert zu einer Bildlichkeit, die der Künstler lange vermieden hat. Explizite Referenzen an die Kunstgeschichte, wie etwa an die späten Gemälde von Edouard Manet, eröffnen einen Reigen der Erinnerungen und Assoziationen. Im Bild des Kruges lebt vielleicht auch Vermeers Dorfmagd weiter, die nicht aufhört, Milch in eine Schüssel zu giessen. Weit vergänglicher erscheint da die leblose Hülle des Kruges, die wie ein Katzenfell an der Wand hängt. Und die Rosenbilder, die Gritsch aus Todesanzeigen sammelt, laden das Thema zusätzlich auf. Nicht zuletzt deshalb, weil das Bildmotiv in Umkehrung des Druckprozesses aus der Grundierung herausgerissen wurde, sich also aus der Negativform in Erinnerung ruft: Das Bild ist da, wo keine Malerei ist. Gritsch entwickelt die Verletzung in produktiver Weise weiter, indem wiederum Fragmente seiner Arbeit als neuer Erfahrungsschatz in den künstlerischen Prozess einfliessen und in eine offene Reihe von Monotypien münden. Stephan Kunz

13.09.10, stefan
category: Material, Topic, artwork, still life, tool


13.09.10, stefan
category: general

07.09.10, stefan
category: Design, Material, artwork, research