
Abreissbild 2010, Acrylfarbe, Leinwand, (Ausschnitt), Originalformat 30 x 20 CM
Risse
Wir denken bei Stefan Gritsch unwillkürlich an den Komplex der Acryfarbvolumina, die sein Schaffen in den letzten Jahren entscheidend geprägt haben. Die damals aufgeworfenen Fragestellungen werden zwar weiterverfolgt, aber die Erscheinungsformen der Artefakte tendieren vermehrt zu einer dominierenden Bildlichkeit, wiewohl sie noch immer einer dezidierten Körperlichkeit verhaftet sind. Kürzlich im Atelier des Künstlers fand ich mich in einer Atmosphäre, die mich unwillkürlich an Dürer und Kepler gleichzeitig denken liess, denn mitten im normalen Chaos ging der Blick durch Glasscheiben auf eine Bildvorlage inmitten der Gegebenheiten des Arbeitstisches während sich dieser – je nach Blickwinkel – als dieses oder jenes Stilleben in einem Spiegel reflektierte, und ein innen schwarzer Kasten auf Stativ führte den Blick wie in einem Observatorium schräg gegen den Himmel. Immer waren bei diesen Betrachtungssituationen Bilder im Spiel: schicksalhafte „Sternbilder“ des Weltstreits hier, in eine Cadrage gefasste Ansichten als reale und als virtuelle Darstellung dort. Ideell berührt werden Bereiche der Wahrnehmung zwischen Ansicht und Durchsicht, und evoziert wird nicht zuletzt die andere Seite, so etwas wie die Rückenansicht.
Weitere Anhaltspunkte für Assoziationen zur Interpretation finden sich in den aufgeladenen Textfragmenten auf einer Reihe von kleineren Formaten aus dem Jahre 2007: FACE, FACT, DEPTH, MIRROR oder ABYSS. Sie entstanden im sogenannten Abreissverfahren, das Gritsch aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit Drucktechniken, insbesondere aus seiner Faszination für die Monotypie entwickelt hat. Die Buchstaben wie auch alle anderen Motive sind aus Holz geschnitten und mit Acrylfarbe eingefärbt. Der Druckstock wird nun mit der grundierten Leinwand verbunden und für eine gewisse Zeit zu einer Einheit zusammengepresst, um nach dem Trocknen der Farbe auseinander gerissen zu werden. Die Farbe auf dem Druckstock verbindet sich mit der Grundierung und reisst diese weg, auf der Leinwand bleibt die Negativform der Darstellung: da wo jetzt das Motiv sichtbar wird ist eigentlich nichts, nur die leere Leinwand. Dieses Abreissverfahren beruht letztlich auf einer Verletzung, und insofern verweist es indirekt auf frühe Malereien Gritschs, die von Schnitten ins Bild und Verklebung der Ränder charakterisiert waren.
In diesen frühen Malereien finden wir zum Teil auch eine divisionistische, leicht segantinesk anmutende malerische Vorgehensweise, deren Echo möglicherweise auch auf den neueren Grossformaten dieser Ausstellung nachklingt. Sowohl LIBANON als auch SOMALIA 82007) sind Doppelbilder: allerdings nicht Diptychen im eigentlichen Sinne, sondern eher wie Bild und Nachbild ineinander überlagernd. Die eine grundierte Leinwand eines Doppels zeigt im Abreissverfahren erzeugte Punkte, die von der Art geographischer Kärtchen abgeleitet sind, mit denen in Zeitungen die Krisen- und Konfliktgebiete der Welt vereinfacht dargestellt werden – und auf einer anderen Werkebene als feine Löcher im schwarzen Karton die besagten Sternbilder in der erwähnten Camera obscura produzieren. Die gleichen Katastrophenpunkte markiert Gritsch mit Bleistift auch auf der zweiten Leinwand, wo die Kristallisationspunkte für die sich in drei Schichten manifestierende Malerei bilden. Die Punkte bezeichnen hier ein untergründiges Beziehungsnetz und Spannungsfeld, das mit feinen malerischen Setzungen in Valeurs von Rot, Gelb und Blau zuerst im Detail zu Zonen eingekreist wird, um in weiteren, jeweils konträren, schon fast impressionistischen Pinselsetzungen eingeebnet zu werden. Die der Grund-Spannung immanente Dynamik überträgt sich als visuell oszillierende Schwingung auf die Oberfläche der Farbhaut und an die Ränder des Geschehens.
Max Wechsler, 2008