Zitat aus Georges Didi-Huberman, Das Nachleben der Bilder, suhrkamp, S. 174 – 176, S. 182 – 183, S. 190 – 191 und S. 193 – 194: Erinnern wir uns, wie bemerkenswert Gilles Deleuze diese Dynamik erhellt hat. Der Körper? “Nichts als Kraftquanten in einem wechselseitigen ‘Spannungsverhältnis’.” Das Objekt? Das Objekt? “Das Objekt selbst ist Kraft, ist Ausdruck einer Kraft …, das Auftreten einer Kraft.” Die Geschichte? “Die Geschichte eines Dings besteht ganz allgemein in der Aufeinanderfolge der Kräfte, die sich seiner bemächtigen, sowie im gleichzeitigen Vorhandensein der Kräfte, die um seine Ueberwältigung ringen. Ein und dasselbe Ding … ändert jeweils entsprechend den Kräften, von denen es angeeignet wird, seinen Sinn.” (G. Deleuze 1962, Nietzsche und die Philosophie, München: Rogner und Bernhard, 1976, S. 7 – 8, 10 – 11 und 45) Hier sei sogleich angemerkt, dass Warburg sich den Status der im wechselvollen Gang des Nachlebens und der Wiedergeburten immer wieder angeeigneten antiken “Formeln” nicht anders vorgestellt hat.
Die hier gemeinte “Kraft” hat durchaus Bezüge zu den – schon von Burckhardt verwendeten – historischen Konzepten: Kraft, Macht, Potenz. Eine weitere Präzisierung erfährt der Begriff bei Nietzsche (wie auch bald schon bei Warburg) durch den Gedanken einer doppelten Zeitlichkeit, einer Konjunktion zweier heterogener Rhythmen. Erstens ist die Kraft eines Nachlebens fähig: Das betrifft die Erinnerung. “Vielleicht kann der Mensch nichts vergessen”, schreibt Nietzsche zur Zeit des zweiten Stücks der Unzeitgemässen Betrachtungen. “Alle Formen, die einmal vom Gehirn und Nervensystem erzeugt sind, wiederholt es von jetzt ab so oft. Eine gleiche Nerventhätigkeit erzeugt das gleiche Bild wieder.” (F. Nietzsche 1869 – 1874, S. 447, Fragment 19.82) Mit kritischem Blick auf Bakunin, “der im Hass gegen die Gegenwart, die Geschichte und die Vergangenheit vernichten will”, schreibt er weiter: “Nun wäre um alle Vergangenheit zu tilgen freilich nöthig, die Menschen zu vertilgen.” (Ebd., S. 580, Fragment 26.14) Das also ist die vitale – tiefe, unbewusste – Macht der Mnemosyne: Alle Tradition wäre jene fast unbewusste der ererbten Charactere: die lebenden Menschen wären, in ihren Handlungen, Beweise, was im Grunde durch sie tradiert werde; mit Fleisch und Blut liefe die Geschichte herum, nicht als vergilbtes Document und als papiernes Gedächtnis. (Ebd., S. 702, Fragment 29.172) Nietzsche vergisst hier vielleicht, was Warburg sein Leben lang, vom Florentiner Archivio bis zur Hamburger Bibliothek, erfahren hat: Die “vergilbten Dokumente” sind ihrerseits das Fleisch des Gedächtnisses, und die Tinte, mit der sie bedeckt sind, ist das geronnene Blut der Geschichte. Entscheidend ist jedoch der Gedanke, der in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, der Gedanke eines als Material verstandenen Gedächtnisses, als Material der Dinge. Im Anschluss an die Frage nach dem Unbewussten – also ob es ein “es denkt” gibt – formuliert Nietzsche schliesslich diese bemerkenswerte Hypothese: “Wenn Gedächtnis und Empfindung das Material der Dinge wären!” (Ebd., S. 471, Fragment 19.165)
Aber welche Art von Material? Darauf gibt es nur eine Antwort: ein plastisches Material. Also ein Material, das zu jeglicher Metamorphose fähig ist. Das Nachleben lehrt uns Unzerstörbarkeit der Spuren. Die Metamorphose lehrt uns ihre relative Auslöschung, ihre unablässige Umwandlung. Nach der Seite des Vergessens, wenn man so will (aber sofern man es als ein für das Gedächtnis selbst lebenswichtiges Vergessen denkt). Die Plastizität taucht in Nietzsches Text genau an der Stelle auf, an der es notwendig wird, die beiden Regime des Werdens gemeinsam zu denken: das Regime des Schlags, wie man sagen könnte, oder der Wirkung (mitten im Beben, unter seiner Einwirkung, vergessen wir alles) und das Regime des Rückschlags oder der Nachwirkung (während des Nachlebens, in der Nachwirkung, erinnern wir uns, und sei es auch, ohne es zu wissen). Der Mensch vergisst nichts von seinem “Urschmerz”. Aber er wandelt das alles um. Der dieser Prägung und diesem Umwandlungsvermögen gemeinsame Agent ist nichts anderes als die Plastizität – diese maetrielle Kraft – des Werdens.
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Und tatsächlich geht es hier immer um “Kräfte” und dialektische Spannungen. Müsste man, um genauer zu sein, die geschichtliche Zeit nicht eher als ein halbplastisches Material bezeichnen? Plastizität allein vermag nicht zu erklären, was sie aufnimmt und absorbiert, was auf sie einwirkt und sie verwandelt. Man muss die Plastizität und die Naht (die Art, wie der Boden vernarbt ist) vor dem Horizont des Bruchs denken (der Art, wie der Boden nachgegeben hat, gebrochen ist, nicht plastisch genug war). Der Historiker wandelt an Abgründen, weil Beben stattgefunden haben, die dort zu einem Bruch der historischen Kontinuität führten, wo die Zeit nicht die nötige Plastizität besass. Desalb bleibt Burckhardts Lektion so kostbar: Das Fachgebiet der Geschichte muss sich als eine “Symptomatologie der Zeit” verstehen, die Latenzen (plastische Prozesse) und Krisen (nichtplastische Prozesse) zusammen zu interpretieren vermag. Wir müssen die Plastizität des Werdens daher als das begreifen, was dem Beben – der Krise nach Burckhardt, dem “Urschmerz” nach Nietzsche, dem “Trauma” nach Freud – ermöglicht, zu überleben, sich zu verwandeln, das heisst im Symptom (einem zugleich plastischen und nichtplastischen Prozess) wiederzukehren, ohne das Milieu, in das es einbricht, vollständig zu zerstören. Die Plastizität des Werdens ist nicht ohne Brüche in der Geschichte vorstellbar.
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… Die Wiederholung zerlegt das Wiederholte, funktioniert nicht als Rückkehr zum Gleichen. Das bringt Deleuze gut zum Ausdruck, wenn er Nietzsches ewige Wiederkehr dem Einen (keine Wiederholung ohne Vielfalt) und dem Gleichen (keine Wiederholung ohne Unterschied) entreisst. (G. Deleuze, Nietzsche und die Philosophie, übers. von B. Schwibs, München: Rogner und Bernhard, 1976) Genau das meinte auch Klossowski, als er den Kreislauf der ewigen Wiederkehr als einen “circulus vitiosus” charakterisierte, der in seiner verdrehenden oder “per-vertierenden” Wirkung niemals vorauszusehen sei. (P. Klossowski, Nietzsche und der Circulus vitiosus, übers. von R. Vouillé, München: Matthes und Seitz, 1986)
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… Wissen bedeutet selbst auf historischer Ebene nicht “wiederfinden” und erst recht nicht “uns selbst wiederfinden”. Die Historie wird in dem Masse “wirklich” sein, wie sie das diskontinuierliche in unser Sein einführt, Sie wird unsere Gefühle unterteilen und unsere Triebe dramatisieren; sie wird unseren Leib vervielfachen und ihm selbst entgegensetzen, Sie wird nichts unter sich dulden, das die beruhigende Stabilität des Lebens oder der Natur besässe; sie wird sich nicht von einer stummen, beharrlichen Bewegung tragen lassen, die angeblich in ein grosses Ziel mündet, Sie wird ihre eigenen Fundamente untergraben und die vorgebliche Kontinuität zerstören. Den Wissen dient nicht dem Verstehen, sondern dem Zerschneiden. (M. Foucault, “Nietzsche, die Genealogie, die Historie”, übers. von M. Bischoff, in: ders., Dits et Ecrits. Schriften, 4 Bde., Frankfurt am Main,: Suhrkamp, 2001 – 2005, Bd 2, S. 166 – 191.)








