Zitat aus Gilles Deleuze, Die Falte, Leibniz und der Barock, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1484, S. 201: ‘Man hat festgestellt, dass der Barock oft die Malerei eingeengt und sie in Tafelbilder gezwängt hat. Das geschah aber vor allem, weil die Malerei aus ihrem Rahmen heraustritt und sich als Skulptur des polychromen Marmors realisiert; die Bildhauerei steigert und realisiert sich in der Architektur; die Architektur wiederum findet in der Fassade einen Rahmen, dieser Rahmen aber löst sich selbst vom Innern und setzt sich mit dem Umfeld solchermassen ins Verhältnis, dass die Architektur im Städtebau realisiert. An beiden Enden der Kette ist der Maler Stadtplaner geworden, und es zeigt sich eine wunderbare Entwicklung der Kontinuität der Künste in die breite oder die Extension: eine Ineinanderfügung der Rahmen, bei der jeder von einer Materie überholt wird, die quer hindurch geht. Diese extensive Einheit der Künste bildet ein Universaltheater, das Luft und Erde aufweist, und sogar Feuer und Wasser. Die Skulpturen sind darin handelnde Personen, und die Stadt ist das Bühnenbild, wobei die Zuschauer selbst gemalte Bilder oder Skulpturen sind. Die Kunst wird ganz und gar socius, öffentlicher, von barocken Tänzern bevölkerter sozialer Raum. Vielleicht kann man im modernen Informel diese Vorliebe wiederfinden, sich “zwischen” zwei Künsten einzurichten, zwischen Malerei und Bildhauerei, zwischen Bildhauerei und Architektur, um damit eine Einheit der Künste als “Performance” zu erreichen und den Zuschauer in diese Performance einzubeziehen. (Die flachen Skulpturen von Carl Andre, wie auch die Konzeption der “Räume”, im Sinne von Räumen einer Wohnung, geben nicht nur ein gutes Beispiel für den Uebergang Malerei – Bildhauerei, Bildhauerei – Architektur, sondern auch für die extensive Einheit der sogenannten minimal art, bei der Form nicht mehr ein Volumen begrenzt, sondern einen in allen Richtungen unbegrenzten Raum umfasst. Man mag vor der typisch Leibnizschen Situation erstaunen, die Tony Smith heraufbeschwört: ein geschlossenes Auto fährt auf einer Autobahn, die nur seine Scheinwerfer erleuchten und deren Asphalt über die Windschutzscheibe rast. Das ist eine Monade mit ihrem privilegierten Gebiet. Gegen den Einwand, es sei hier nichts absolut abgeschlossen, weil der Asphalt draussen sei, lässt sich erinnern, dass der Neo-Leibnizianismus eher nach einem absoluten Erfassen als einem Abschliessen verlangt; selbst hier aber kann die Abschliessung als vollkommen gelten, insofern der Asphalt draussen nichts mit dem zu tun hat, der über die Scheibe wegzieht. Man müsste die explizit barocken Themen in der minimal art und bereits im Konstruktivismus einmal genau untersuchen, vgl. die schöne Analyse des Barock von Wladislaw Streminski und K. Kobro, “La composition de l’espace. Les calculs du rythme spatio-temporel”, in : L’espace uniste. Ecrits du constructivisme plonais, Lausanne: L’âge d’homme 1977, und Artstudio Nr. 6, Herbst 1987: darin die Afsätze von Jean-Pierre Criqui über Tony Smith , von Michel Assenmaker über Carl Andre, von Germano Celant über Donald Judd, von Marjorie Welish über Sol LeWitt, und von Claude Gintz über Robert Morris, worin eine Gegenüberstellung mit dem Barock vorgenommen wird, man beachte besonders die Samtfalten von Morris, 121, 131. Auch eine spezielle Utersuchung der “Performances” von Christo müsste unternommen werden: die gigantischen Einhüllungen und die Falten dieser Hüllen.) Falten – Entfalten, Umhüllen – Entwickeln sind die Konstanten dieser Operation, heute wie im Barock. Dieses Theater der Künste ist die lebendige Maschine des “Neuen Systems”, wie es Leibniz beschreibt, eine unendliche Maschine, deren Teile ebenfalls Maschinen sind, “unterschiedlich gefaltet und mehr oder weniger entwickelt”.’
Da ist mir etwas Lustiges passiert: ich habe das Buch DIFFERENZ UND WIEDERHOLUNG von Gilles Deleuze zwei mal gekauft.
“Die Falte” (Leibniz und der Barock) von Gilles Deleuze ist seit einiger Zeit ein wichtiges Buch für mich. Seit 2 Jahren lese ich immer wieder darin. Vieles verstehe ich heute besser, dies jedoch erst seit ich in all den andern unten angeführten Büchern auch lese.
Bergson, Materie und Gedächtnis
Kirkegard, Die Wiederholung
Didi-Huberman, Vor einem Bild
Beat Wyss, Nach den grossen Erzählung
Julien, Die stillen Wandlungen
Byung-Chul Han, Abwesen
Aby Warburg, Werke
Leroi-Gourhan, Hand und Wort
Foucault, Die Ordnung der Dinge
Foucault, Archeologie des Wissens
Otto, Die Wiederholung der Bilder
Deleuze, Differenz und Wiederholung
Didi-Huberman, Aehnlichkeit und Berührung
Heidegger, Identität und Differenz
Cassirer, Symbol / Technik / Sprache
Didi-Huberman, Das Nachleben der Bilder
Derrida, Die différance
Und natürlich muss ich weiterlesen.
(Detail)
Stefan Gritsch, Hommage à Vermeer, Leinwand, Grundierung, Acrylfarbe (Abreissbild), 120cm x 100cm
Schon als als Knabe hat es mir immer besonders viel Vergnügen bereitet, eine Orange oder eine Mandarine so zu schälen, dass jeweils die Schale als Haut an einem Stück vor mir lag. Auch heute tue ich das immer noch auf diese Weise als eine lustige Wiederholung einer sinnlosen Tätigkeit. Lässt man diese Fruchthäute liegen, trocknen sie zu bizarren Kleinskulpturen aus (die Orangenschalen haben beim Austrocknen die Tendenz sich so einzurollen, dass ihre helle Innenseite nach aussen hin zeigen), sie lassen sich aber auch zu flachen Abwicklungen pressen. Letztes Jahr habe ich damit begonnen einzelne Häute wieder so zusammenzunähen, sodass sich jetzt die Innenhaut der Orange als helle Aussenhaut eines Hohlkörpers zeigt.
Zitat aus Markus Brüderlin, Der Sinn der Sinnlichkeit und die Daseins-Arroganz des Bildes, erschienen im Katalog zu der Ausstellung Stefan Gritsch, Aargauer Kunsthaus Aarau 5. Mai bis 17 Juni 1990:
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Die Zelle der Autonomie und die Schale der Wirklichkeit
Stefan Gritsch hat in der Frühphase seines Schaffens das aus dem Häutungsvorgang gewonnene Werkverständnis zunächst als thematisch und motivisches Muster ins Bild hineingenommen. Eine gewisse Zeit beschäftigte er sich mit dem veristischen Abzeichnen einer präparierten Froschhaut und eines Kittels. Die Detailgenauigkeit und Akribie, mit denen er das “Vorbild” übertrug, sorgten für eine derartige Nähe zum Gegenstand, als wären die Blätter ohne formende Wahrnehmung direkt vom Objekt abgeschält worden , ähnlich wie uns der Film einer Fotografie als eine von der Wirklichkeit abgehäutete Oberfläche erscheinen kann. Zunehmend schlägt diese affektive Bindung an das gesehene Objekt, in der der Künstler mit fast manischer Obsession dem vermeintlichen Pulsieren des verschwundenen Körpers nachzuspüren scheint, um in eine Befragung der Realität des Bildes, das nunmehr als ein von der Wirklichkeit völlig isoliertes Medium betrachtet wird.
Als markantes Beispiel für diese neu erreichte Autonomie möchte ich auf eine Zeichnung aus dem Jahre 1984 verweisen. Das 30 x 42 Zentimeter grosse Blatt zeigt eine kreisförmig mit Farbstift zugestrichekte Fläche, in dren Mitte eine nicht identifizierbare Umrissfigur ausgespart wurde. Diese verdankt ihre Form einem Abfallprodukte, einer abgepellten Orangenschale, die, von ihrem Inhalt entkernt und plattgedrückt, quasi als Schablone zum eigentlichen, aber getarnten Bildgehalt avancierte. Das Wissen um diesen Künstlerischen Findungsprozess, das weder aus dem Titel noch aus der Zeichnung selbst gewonnen werden kann, vergegenwärtigt exemplarisch die Uebertragung vom dreidimensionalen Gegenstand in die zweidimensionale Fläche. “Haarscharf” wird die Haut der Kunst mit der Haut der Wriklichkeit zur Deckung gebracht, so dass letztere gar hinter der ersteren verschwindet. Sinnfällig wird dieser Vorgang des Verdeckens in dem vexierbildartigen Austausch von Figur und Grund, in dem die eigentliche Figur de facto als ausgesparter Grund vorhanden ist und der Grund als zugestricheltes Umfeld, das die Form wie eine “mitgemalte Aura” umspielt. Aus diesem Umkehrphänomen leitete Gritsch einen grundsätzlichen ästhetischen Mechanismus ab, der fortan in dem komplexen Wechselspiel von Positiv und Negativ, Körper und Fläche die Wirklichkeit als Gussform der Kunst und umgekehrt die Kunst als Schablone der Wirklichkeit plausibel macht. Es hat schon einen besonderen (Erkenntnis-)Reiz, dass gerade dort, wo der künstlerische Gegenstand durch Abstraktion am weitesten von der Realität erscheint, diese Realität in nächster Nähe lauert – ei fast metaphysischer Zustand, der an Walter Benjamins Sentenz über die Aura erinnert, die die Erscheinung einer Ferne vermittelt, so nahe das auch sein mag, was sie hervorruft. (Das deckungsgleiche Zusammenfallen findet in dieser Arbeit zusätzlich auf der begrifflichen Ebene ein Aequivalent: bei dem gewählten Gegenstand fällt nämlich die Objektbezeichnung “Orange” zusammen mit dem signifikanten Aspekt seiner Erscheinungsweise, der Farbe “Orange” zusammen. Diese “buchstäbliche” Verdoppelung markiert ebenfalls eine Gritsch’sche Charakteristik der Beziehung zwischen Realität und Bildautonomie, die trotz der angespielten Identität den differenzbildenden Schnitt der abgetrennten Häute zum zentralen Inhalt der Kunst macht).
In der hier besprochenen Zeichnung wurde noch eine weitere formale Eigenschaft entwickelt, die einen wichtigen Schritt vom verweisenden Bildmotiv zur Versachlichung der Malerei als eigene, objekthafte Realität belegt. Die kraftfeldartig die unförmige “Schalenfigur” umspielende Füllung der Farbstiftstruktur bahnt eine Vermittlung an, die die unregelmässige Binnenform mit der regelmässigen Kontur des rechteckigen Blattrandes “versöhnt”. Das Verfahren erinnert an Frank Stellas Angleichung der Binnenform an das Bildgeviert durch deren Rationalisierung in ein gleichmässiges Muster. Der Amerikaner versuchte damals, Ende der fünfziger Jahre, in seinen Black Paintings eine objekthafte Identität von Träger und Malerei zu erreichen. Doch Gritsch ging es nicht um die Eliminierung des Bildillusionismus und jeglicher Referentialität als vielmehr um die Erzeugung einer homogenen Malhaut, in die sich gleichwohl die Spur gelebter Erfahrung einschreibt oder die eine verdeckte Wirklichkeit birgt.
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