Zitat aus Gilles Deleuze, Die Falte, Leibniz und der Barock, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1484, S. 201: ‘Man hat festgestellt, dass der Barock oft die Malerei eingeengt und sie in Tafelbilder gezwängt hat. Das geschah aber vor allem, weil die Malerei aus ihrem Rahmen heraustritt und sich als Skulptur des polychromen Marmors realisiert; die Bildhauerei steigert und realisiert sich in der Architektur; die Architektur wiederum findet in der Fassade einen Rahmen, dieser Rahmen aber löst sich selbst vom Innern und setzt sich mit dem Umfeld solchermassen ins Verhältnis, dass die Architektur im Städtebau realisiert. An beiden Enden der Kette ist der Maler Stadtplaner geworden, und es zeigt sich eine wunderbare Entwicklung der Kontinuität der Künste in die breite oder die Extension: eine Ineinanderfügung der Rahmen, bei der jeder von einer Materie überholt wird, die quer hindurch geht. Diese extensive Einheit der Künste bildet ein Universaltheater, das Luft und Erde aufweist, und sogar Feuer und Wasser. Die Skulpturen sind darin handelnde Personen, und die Stadt ist das Bühnenbild, wobei die Zuschauer selbst gemalte Bilder oder Skulpturen sind. Die Kunst wird ganz und gar socius, öffentlicher, von barocken Tänzern bevölkerter sozialer Raum. Vielleicht kann man im modernen Informel diese Vorliebe wiederfinden, sich “zwischen” zwei Künsten einzurichten, zwischen Malerei und Bildhauerei, zwischen Bildhauerei und Architektur, um damit eine Einheit der Künste als “Performance” zu erreichen und den Zuschauer in diese Performance einzubeziehen. (Die flachen Skulpturen von Carl Andre, wie auch die Konzeption der “Räume”, im Sinne von Räumen einer Wohnung, geben nicht nur ein gutes Beispiel für den Uebergang Malerei – Bildhauerei, Bildhauerei – Architektur, sondern auch für die extensive Einheit der sogenannten minimal art, bei der Form nicht mehr ein Volumen begrenzt, sondern einen in allen Richtungen unbegrenzten Raum umfasst. Man mag vor der typisch Leibnizschen Situation erstaunen, die Tony Smith heraufbeschwört: ein geschlossenes Auto fährt auf einer Autobahn, die nur seine Scheinwerfer erleuchten und deren Asphalt über die Windschutzscheibe rast. Das ist eine Monade mit ihrem privilegierten Gebiet. Gegen den Einwand, es sei hier nichts absolut abgeschlossen, weil der Asphalt draussen sei, lässt sich erinnern, dass der Neo-Leibnizianismus eher nach einem absoluten Erfassen als einem Abschliessen verlangt; selbst hier aber kann die Abschliessung als vollkommen gelten, insofern der Asphalt draussen nichts mit dem zu tun hat, der über die Scheibe wegzieht. Man müsste die explizit barocken Themen in der minimal art und bereits im Konstruktivismus einmal genau untersuchen, vgl. die schöne Analyse des Barock von Wladislaw Streminski und K. Kobro, “La composition de l’espace. Les calculs du rythme spatio-temporel”, in : L’espace uniste. Ecrits du constructivisme plonais, Lausanne: L’âge d’homme 1977, und Artstudio Nr. 6, Herbst 1987: darin die Afsätze von Jean-Pierre Criqui über Tony Smith , von Michel Assenmaker über Carl Andre, von Germano Celant über Donald Judd, von Marjorie Welish über Sol LeWitt, und von Claude Gintz über Robert Morris, worin eine Gegenüberstellung mit dem Barock vorgenommen wird, man beachte besonders die Samtfalten von Morris, 121, 131. Auch eine spezielle Utersuchung der “Performances” von Christo müsste unternommen werden: die gigantischen Einhüllungen und die Falten dieser Hüllen.) Falten – Entfalten, Umhüllen – Entwickeln sind die Konstanten dieser Operation, heute wie im Barock. Dieses Theater der Künste ist die lebendige Maschine des “Neuen Systems”, wie es Leibniz beschreibt, eine unendliche Maschine, deren Teile ebenfalls Maschinen sind, “unterschiedlich gefaltet und mehr oder weniger entwickelt”.’
(Detail)
Stefan Gritsch, Hommage à Vermeer, Leinwand, Grundierung, Acrylfarbe (Abreissbild), 120cm x 100cm
Zitat aus Georges Didi-Huberman, Das Nachleben der Bilder, suhrkamp, S. 174 – 176, S. 182 – 183, S. 190 – 191 und S. 193 – 194: Erinnern wir uns, wie bemerkenswert Gilles Deleuze diese Dynamik erhellt hat. Der Körper? “Nichts als Kraftquanten in einem wechselseitigen ‘Spannungsverhältnis’.” Das Objekt? Das Objekt? “Das Objekt selbst ist Kraft, ist Ausdruck einer Kraft …, das Auftreten einer Kraft.” Die Geschichte? “Die Geschichte eines Dings besteht ganz allgemein in der Aufeinanderfolge der Kräfte, die sich seiner bemächtigen, sowie im gleichzeitigen Vorhandensein der Kräfte, die um seine Ueberwältigung ringen. Ein und dasselbe Ding … ändert jeweils entsprechend den Kräften, von denen es angeeignet wird, seinen Sinn.” (G. Deleuze 1962, Nietzsche und die Philosophie, München: Rogner und Bernhard, 1976, S. 7 – 8, 10 – 11 und 45) Hier sei sogleich angemerkt, dass Warburg sich den Status der im wechselvollen Gang des Nachlebens und der Wiedergeburten immer wieder angeeigneten antiken “Formeln” nicht anders vorgestellt hat.
Die hier gemeinte “Kraft” hat durchaus Bezüge zu den – schon von Burckhardt verwendeten – historischen Konzepten: Kraft, Macht, Potenz. Eine weitere Präzisierung erfährt der Begriff bei Nietzsche (wie auch bald schon bei Warburg) durch den Gedanken einer doppelten Zeitlichkeit, einer Konjunktion zweier heterogener Rhythmen. Erstens ist die Kraft eines Nachlebens fähig: Das betrifft die Erinnerung. “Vielleicht kann der Mensch nichts vergessen”, schreibt Nietzsche zur Zeit des zweiten Stücks der Unzeitgemässen Betrachtungen. “Alle Formen, die einmal vom Gehirn und Nervensystem erzeugt sind, wiederholt es von jetzt ab so oft. Eine gleiche Nerventhätigkeit erzeugt das gleiche Bild wieder.” (F. Nietzsche 1869 – 1874, S. 447, Fragment 19.82) Mit kritischem Blick auf Bakunin, “der im Hass gegen die Gegenwart, die Geschichte und die Vergangenheit vernichten will”, schreibt er weiter: “Nun wäre um alle Vergangenheit zu tilgen freilich nöthig, die Menschen zu vertilgen.” (Ebd., S. 580, Fragment 26.14) Das also ist die vitale – tiefe, unbewusste – Macht der Mnemosyne: Alle Tradition wäre jene fast unbewusste der ererbten Charactere: die lebenden Menschen wären, in ihren Handlungen, Beweise, was im Grunde durch sie tradiert werde; mit Fleisch und Blut liefe die Geschichte herum, nicht als vergilbtes Document und als papiernes Gedächtnis. (Ebd., S. 702, Fragment 29.172) Nietzsche vergisst hier vielleicht, was Warburg sein Leben lang, vom Florentiner Archivio bis zur Hamburger Bibliothek, erfahren hat: Die “vergilbten Dokumente” sind ihrerseits das Fleisch des Gedächtnisses, und die Tinte, mit der sie bedeckt sind, ist das geronnene Blut der Geschichte. Entscheidend ist jedoch der Gedanke, der in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, der Gedanke eines als Material verstandenen Gedächtnisses, als Material der Dinge. Im Anschluss an die Frage nach dem Unbewussten – also ob es ein “es denkt” gibt – formuliert Nietzsche schliesslich diese bemerkenswerte Hypothese: “Wenn Gedächtnis und Empfindung das Material der Dinge wären!” (Ebd., S. 471, Fragment 19.165)
Aber welche Art von Material? Darauf gibt es nur eine Antwort: ein plastisches Material. Also ein Material, das zu jeglicher Metamorphose fähig ist. Das Nachleben lehrt uns Unzerstörbarkeit der Spuren. Die Metamorphose lehrt uns ihre relative Auslöschung, ihre unablässige Umwandlung. Nach der Seite des Vergessens, wenn man so will (aber sofern man es als ein für das Gedächtnis selbst lebenswichtiges Vergessen denkt). Die Plastizität taucht in Nietzsches Text genau an der Stelle auf, an der es notwendig wird, die beiden Regime des Werdens gemeinsam zu denken: das Regime des Schlags, wie man sagen könnte, oder der Wirkung (mitten im Beben, unter seiner Einwirkung, vergessen wir alles) und das Regime des Rückschlags oder der Nachwirkung (während des Nachlebens, in der Nachwirkung, erinnern wir uns, und sei es auch, ohne es zu wissen). Der Mensch vergisst nichts von seinem “Urschmerz”. Aber er wandelt das alles um. Der dieser Prägung und diesem Umwandlungsvermögen gemeinsame Agent ist nichts anderes als die Plastizität – diese maetrielle Kraft – des Werdens.
(…)
Und tatsächlich geht es hier immer um “Kräfte” und dialektische Spannungen. Müsste man, um genauer zu sein, die geschichtliche Zeit nicht eher als ein halbplastisches Material bezeichnen? Plastizität allein vermag nicht zu erklären, was sie aufnimmt und absorbiert, was auf sie einwirkt und sie verwandelt. Man muss die Plastizität und die Naht (die Art, wie der Boden vernarbt ist) vor dem Horizont des Bruchs denken (der Art, wie der Boden nachgegeben hat, gebrochen ist, nicht plastisch genug war). Der Historiker wandelt an Abgründen, weil Beben stattgefunden haben, die dort zu einem Bruch der historischen Kontinuität führten, wo die Zeit nicht die nötige Plastizität besass. Desalb bleibt Burckhardts Lektion so kostbar: Das Fachgebiet der Geschichte muss sich als eine “Symptomatologie der Zeit” verstehen, die Latenzen (plastische Prozesse) und Krisen (nichtplastische Prozesse) zusammen zu interpretieren vermag. Wir müssen die Plastizität des Werdens daher als das begreifen, was dem Beben – der Krise nach Burckhardt, dem “Urschmerz” nach Nietzsche, dem “Trauma” nach Freud – ermöglicht, zu überleben, sich zu verwandeln, das heisst im Symptom (einem zugleich plastischen und nichtplastischen Prozess) wiederzukehren, ohne das Milieu, in das es einbricht, vollständig zu zerstören. Die Plastizität des Werdens ist nicht ohne Brüche in der Geschichte vorstellbar.
(…)
… Die Wiederholung zerlegt das Wiederholte, funktioniert nicht als Rückkehr zum Gleichen. Das bringt Deleuze gut zum Ausdruck, wenn er Nietzsches ewige Wiederkehr dem Einen (keine Wiederholung ohne Vielfalt) und dem Gleichen (keine Wiederholung ohne Unterschied) entreisst. (G. Deleuze, Nietzsche und die Philosophie, übers. von B. Schwibs, München: Rogner und Bernhard, 1976) Genau das meinte auch Klossowski, als er den Kreislauf der ewigen Wiederkehr als einen “circulus vitiosus” charakterisierte, der in seiner verdrehenden oder “per-vertierenden” Wirkung niemals vorauszusehen sei. (P. Klossowski, Nietzsche und der Circulus vitiosus, übers. von R. Vouillé, München: Matthes und Seitz, 1986)
(…)
… Wissen bedeutet selbst auf historischer Ebene nicht “wiederfinden” und erst recht nicht “uns selbst wiederfinden”. Die Historie wird in dem Masse “wirklich” sein, wie sie das diskontinuierliche in unser Sein einführt, Sie wird unsere Gefühle unterteilen und unsere Triebe dramatisieren; sie wird unseren Leib vervielfachen und ihm selbst entgegensetzen, Sie wird nichts unter sich dulden, das die beruhigende Stabilität des Lebens oder der Natur besässe; sie wird sich nicht von einer stummen, beharrlichen Bewegung tragen lassen, die angeblich in ein grosses Ziel mündet, Sie wird ihre eigenen Fundamente untergraben und die vorgebliche Kontinuität zerstören. Den Wissen dient nicht dem Verstehen, sondern dem Zerschneiden. (M. Foucault, “Nietzsche, die Genealogie, die Historie”, übers. von M. Bischoff, in: ders., Dits et Ecrits. Schriften, 4 Bde., Frankfurt am Main,: Suhrkamp, 2001 – 2005, Bd 2, S. 166 – 191.)
Acrylfarbe, “Constructed Head”, 1990/2010, Durchmesser ca. 22,00 cm
Acrylfarbe, “Recycled Head”, 1990/2010, Durchmesser ca. 19,oo cm
FORSCHUNG
Als Forschung bezeichne ich die Suche nach etwas, das ich noch nicht kenne, noch nicht in den Händen habe, die Suche nach etwas, von dem ich als bildender Künstler vor allem nicht weiss wie es aussieht. Dieses unbekannte, verführerische Objekt, das noch im Innern verborgen oder im Entfernten liegt, sich vielleicht als Vision ankündigt, lässt mich nicht mehr los, ich bin mittendrin in einem Ablauf, der mich wieder einmal mehr an den Wendepunkt, in die schöne Krise führt, wo ich mir so lange etwas vormachen kann, bis ich meinen starren, fokussierenden Blick eintausche gegen das unruhige, unsichere Schweifen auf Ab- und Seitenwegen, wo sich alles zerschlägt, und wo das Visuelle als schöne Entstellung der Vision sichtbar wird. Endlich Enttäuschung. Plötzlich diese Sicht. Stefan Gritsch in STILLNOW, Ein Schnitt in die Farbhaut oder das aufgeschobene Bild, akkuH Hengelo und Phoebus Rotterdam, ISBN 978-90-815041-1-9. 2010
Künstlerische Projekte tendieren dazu, einen komplexen und prekären Gegenstand des Ausdrucks zu realisieren. Stefan Gritsch in ACRYLFARBVOLUMINA. Acrylfarbe als plastisches Marterial. Herausgeber: Hochschule Luzern Design&Kunst. 2005
Abreissbild 2010, Acrylfarbe, Leinwand, (Ausschnitt), Originalformat 30 x 20 CM
Risse
Wir denken bei Stefan Gritsch unwillkürlich an den Komplex der Acryfarbvolumina, die sein Schaffen in den letzten Jahren entscheidend geprägt haben. Die damals aufgeworfenen Fragestellungen werden zwar weiterverfolgt, aber die Erscheinungsformen der Artefakte tendieren vermehrt zu einer dominierenden Bildlichkeit, wiewohl sie noch immer einer dezidierten Körperlichkeit verhaftet sind. Kürzlich im Atelier des Künstlers fand ich mich in einer Atmosphäre, die mich unwillkürlich an Dürer und Kepler gleichzeitig denken liess, denn mitten im normalen Chaos ging der Blick durch Glasscheiben auf eine Bildvorlage inmitten der Gegebenheiten des Arbeitstisches während sich dieser – je nach Blickwinkel – als dieses oder jenes Stilleben in einem Spiegel reflektierte, und ein innen schwarzer Kasten auf Stativ führte den Blick wie in einem Observatorium schräg gegen den Himmel. Immer waren bei diesen Betrachtungssituationen Bilder im Spiel: schicksalhafte „Sternbilder“ des Weltstreits hier, in eine Cadrage gefasste Ansichten als reale und als virtuelle Darstellung dort. Ideell berührt werden Bereiche der Wahrnehmung zwischen Ansicht und Durchsicht, und evoziert wird nicht zuletzt die andere Seite, so etwas wie die Rückenansicht.
Weitere Anhaltspunkte für Assoziationen zur Interpretation finden sich in den aufgeladenen Textfragmenten auf einer Reihe von kleineren Formaten aus dem Jahre 2007: FACE, FACT, DEPTH, MIRROR oder ABYSS. Sie entstanden im sogenannten Abreissverfahren, das Gritsch aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit Drucktechniken, insbesondere aus seiner Faszination für die Monotypie entwickelt hat. Die Buchstaben wie auch alle anderen Motive sind aus Holz geschnitten und mit Acrylfarbe eingefärbt. Der Druckstock wird nun mit der grundierten Leinwand verbunden und für eine gewisse Zeit zu einer Einheit zusammengepresst, um nach dem Trocknen der Farbe auseinander gerissen zu werden. Die Farbe auf dem Druckstock verbindet sich mit der Grundierung und reisst diese weg, auf der Leinwand bleibt die Negativform der Darstellung: da wo jetzt das Motiv sichtbar wird ist eigentlich nichts, nur die leere Leinwand. Dieses Abreissverfahren beruht letztlich auf einer Verletzung, und insofern verweist es indirekt auf frühe Malereien Gritschs, die von Schnitten ins Bild und Verklebung der Ränder charakterisiert waren.
In diesen frühen Malereien finden wir zum Teil auch eine divisionistische, leicht segantinesk anmutende malerische Vorgehensweise, deren Echo möglicherweise auch auf den neueren Grossformaten dieser Ausstellung nachklingt. Sowohl LIBANON als auch SOMALIA 82007) sind Doppelbilder: allerdings nicht Diptychen im eigentlichen Sinne, sondern eher wie Bild und Nachbild ineinander überlagernd. Die eine grundierte Leinwand eines Doppels zeigt im Abreissverfahren erzeugte Punkte, die von der Art geographischer Kärtchen abgeleitet sind, mit denen in Zeitungen die Krisen- und Konfliktgebiete der Welt vereinfacht dargestellt werden – und auf einer anderen Werkebene als feine Löcher im schwarzen Karton die besagten Sternbilder in der erwähnten Camera obscura produzieren. Die gleichen Katastrophenpunkte markiert Gritsch mit Bleistift auch auf der zweiten Leinwand, wo die Kristallisationspunkte für die sich in drei Schichten manifestierende Malerei bilden. Die Punkte bezeichnen hier ein untergründiges Beziehungsnetz und Spannungsfeld, das mit feinen malerischen Setzungen in Valeurs von Rot, Gelb und Blau zuerst im Detail zu Zonen eingekreist wird, um in weiteren, jeweils konträren, schon fast impressionistischen Pinselsetzungen eingeebnet zu werden. Die der Grund-Spannung immanente Dynamik überträgt sich als visuell oszillierende Schwingung auf die Oberfläche der Farbhaut und an die Ränder des Geschehens.
Max Wechsler, 2008

Stefan Kunz, Kurator und stellvertretender Direktor Aargauer Kunsthaus, Aarau schreibt im Katalog Yesterday Will Be Better folgenden Text: Vor uns steht eine Vase – oder ist es das Ebenbild einer Vase? Ein archäologisches Fundstück? Oder Kunst? Mit ihrem seitlichen Schnitt ist sie nicht funktionstauglich, mit ihrer undefinierbaren Farbigkeit wenig attraktiv und durch ihre raue Oberfläche wirkt sie relativ plump. Ihre Besonderheit liegt vielmehr darin, dass Stefan Gritsch eine neue Form gefunden hat, die seine Werkentwicklung verkörpert, inhaltlich und materiell.Er bemüht nicht einfach den Topos des Gefässes als Metapher für das Bild, sondern realisiert physisch, was andere zeichenhaft formulieren: Mit gesammeltem Recyclingmaterial seiner bildnerischen Produktion hat er den Mantel um eine Vase gelegt und damit das Innere nach aussen gekehrt, den Inhalt zur Form gemacht.
Die Form bleibt als Erinnerung, als Idee zurück. Das hat im Schaffen von Gritsch durchaus Methode: Spätestens seit Ende der 1980er-Jahren betreibt er seine bildnerische Untersuchung, die das eigene Werk einer permanenten Metamorphose unterzieht. Alles, was er schafft, wird in einen dialektischen Prozess eingebunden. So hat er aus der Verneinung des Bildes heraus gemalt, mit Tipp_ex und Seife. Mehr und mehr begann er zu recyclen und gewann aus älteren Werken immer wieder den Werkstoff für neue. Dabei folgte er stets dem Credo, dass sich im Bereich der bildenden Kunst der Gebrauch und das Aneignen von Wissen nicht von der Erfahrung trennen lassen und das prozesshafte Arbeiten deshalb ein notwendiger Bestandteil der Arbeit ist.
So wie die Vase aus dem Rohstoff der Kunst geformt ist und die ganze Erfahrung des bisherigen Schaffens in sich trägt, steht sie auch inmitten einer neuen Werkgruppe von Gritsch. Diese kreist um das Thema des Stilllebens und tendiert zu einer Bildlichkeit, die der Künstler lange vermieden hat. Explizite Referenzen an die Kunstgeschichte, wie etwa an die späten Gemälde von Edouard Manet, eröffnen einen Reigen der Erinnerungen und Assoziationen. Im Bild des Kruges lebt vielleicht auch Vermeers Dorfmagd weiter, die nicht aufhört, Milch in eine Schüssel zu giessen. Weit vergänglicher erscheint da die leblose Hülle des Kruges, die wie ein Katzenfell an der Wand hängt. Und die Rosenbilder, die Gritsch aus Todesanzeigen sammelt, laden das Thema zusätzlich auf. Nicht zuletzt deshalb, weil das Bildmotiv in Umkehrung des Druckprozesses aus der Grundierung herausgerissen wurde, sich also aus der Negativform in Erinnerung ruft: Das Bild ist da, wo keine Malerei ist. Gritsch entwickelt die Verletzung in produktiver Weise weiter, indem wiederum Fragmente seiner Arbeit als neuer Erfahrungsschatz in den künstlerischen Prozess einfliessen und in eine offene Reihe von Monotypien münden. Stephan Kunz
Recycling: die in diesem Recyclingverfahren verwendeten Werkzeuge (Negativformen) werden aus den leeren Farbeimern hergestellt. (Atelier Lenzburg AG)
Zitat aus Markus Brüderlin, Der Sinn der Sinnlichkeit und die Daseins-Arroganz des Bildes, erschienen in der Publikation zu Ausstellung Stefan Gritsch im Aargauer Kunsthaus Aarau 5. Mai bis 17. Juni 1990:
…
Aufstocken, Abgiessen, Recyclen: Die Bildhaut will Körper werden
Die früheren Prinzipien des Auslöschens, Ueberdeckens oder Tarnens wurden erweitert um quasi-plastische Verfahren wie Ausgiessen, Abformen, Aufstocken und um das Recycling. Die eingangs erwähnten Seifenbilder nehmen in diesem Zusammenhang eine Zwischenposition ein und reizen durch vielseitige Verschachtelung von Paralogien. Hier wird die Malerei durch etwas ersetzt, repräsentiert, was im Alltag eigentlich als Instrument auf die menschliche Haut angewandt wird. Neben dieser Verkehrung von Ursache und Wirkung, Subjekt und Objekt wird ein wichtiger Aspekt der paradoxen Inszenierung von Gebrauchsgegenständen in der Warenwelt auf den Schauplatz des monochromen Tafelbildes transformiert. Seife ist da, um zu waschen, also etwas auszulöschen. Der Rohstoff hingegen wird selbst in den buntesten und “geilsten” Farben hergestellt, um mit diesem Augensex beim potentiellen Käufer anzubändeln. (Gritsch war bei einem Besuch einer Seifenfabrik ganz fasziniert von der starken, farbigen Visualität der in grossen Blöcken aufgeschichteten rohen Seife. Er liess sich einen bunten Seifenberg ins Haus liefern, um davon eine Serie von Seifen-Platten-Bildern runterzuschneiden). Beim konkreten Einsatz, bei der Berührung mit der Haut müssen die Farben aber wieder verschwinden. Welch sinnige Allegorie auf unsere fetischiastischen Bedürfnisschwächen und unser doppeldeutiges Konsumverhalten.
Ein wichtiger Schritt in Gritschs Werk vollzog sich mit der Ausformung der Malerei als “Haut” in deren dreifacher Funktion: nämlich als Behältnis, als Grenze und als koloristisches Ereignisfeld. Gritsch beginnt, die Acrylfarbe in dünnen Schichten in eine A4-formatige, rechteckige Form zu giessen, um so die Malerei durch geduldiges und mehrere Monate dauerndes Ueberschichten zu handfesten Platten oder gar zu einem Block auswachsen zu lassen. Im Querschnitt wird das eigene Zeitmass der Dauer, gewissermassen als eine “Ge-schichte” offengelegt. Die jeweils oberste “Haut” wird zum Behältnis der darunterliegenden und fungiert gleichzeitig als Grenze zwischen dem langsam wachsenden Farbkärper und dem Luftraum. Der Künstler achtet bei jedem Schichtauftrag auch auf die visuelle Struktur, und so entsteht ein Stapel von ineinander verwachsenen Oberflächenbildern. Die Malerei gelangt hier quasi “einseitig” zu ihrer matriellen Purität und Identität, indem sie zu ihrem eigenen Träger auswächst.
Eine nachgerade buchstäbliche Eiheit wird in den Bronzebildern anvisiert, in denen die Malerei, die Leinwand und der Keilrahmen nicht nur optisch bei einem “Anstrich”, sondern materiell zu einem einzigen Stück, zum “One-Thing” verschmolzen wird. (Quasi in Anlehnung an Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie der Architektur, nach der diese sich von der menschlichen Haut durch deren Verwendung in immer festere und höherwertige Materialien wie Stoff, Holz, Stein bis zum ausgewachsenen Steinkleid des griechischen Tempels entwickelt hatte, zeichnet Gritsch hier auch eine Art materialistische Kulturgeschichte des Tafelbildes nach). Die Malerei geht dabei nicht eigentlich verloren, sondern wird neu als Brandspuren der Gusshaut mit aus dem Schamottstein herausgeschält und vervollständigt sich anschliessend mit dem langen Prozess der Patinierung an der Luft. Diese durch den Zufall entstandene, informelle Struktur verleiht zusammen mit der veristisch abgeformten Oberflächenstruktur dem Objekt eine solche “Echtheit”, dass erst durch die Klopfprobe das neue ewige Bronzestück von dem Leinwandbild unterschieden werden kann. (Es muss hier ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es dem Künstler bei dem Abgussverfahren nicht um die Reproduktionsthematik geht. Indem die Ausgangsform zerstört wird, erklärt er das neue Objekt zu einem eigenständigen Werk, und nicht als Kopie).
Beim komplizierten Abgussverfahren, für das die beauftragte Giesserei eine eigene Technik entwickeln musste, entdeckte der Künstler in der Nagativform der rückseitigen Gussschale plötzlich ein eigenes, plastisches Hohlvolumen, das üblicherweise hinter dem Bild im Dunkeln verborgen bleibt – wie ein getarnter Wandsave hinter einem reproduzierten Van Gogh. Gritsch hatte diesen “toten Raum” schon in einer früheren Serie genutzt, indem er hinter einem festgezimmerten, sog. “Deckelbild” jeweils ein kleineres versteckte. Die neue Entdeckung bewog ihn nun, diesen Hohlraum als Ganzes in Aluminium auszugiessen. Als Resultat entstand eine überraschend eigenständige Form, die durch die Kehlung bis unter den Keilrahmen kroch und scharfkantig zulaufend die gesamte gespannte Leinwandfläche rückwärtig abformte. Durch diese subkutane Injektion wurde das Tafelbild gewissermassen auch von hinten erschlossen und buchstäblich in seinen widersprüchlichen Eigenschaften als Behältnis, als Grenze und als Schauplatz bis in den letzten Winkel materialisiert.
Neben diesem formalen Interesse am Positiv-Negativ-Verfahren spielt auch die traditionelle Bedeutung des Bronzegusses eine Rolle. Die Verwandlung der Malerei in ein Stück Materie befriedigt nicht nur die fetischistische Tastlust des Augenblicks, sondern gibt auch der Sehnsucht nach Ewigkeit und Haltbarkeit eine vermeintlich greifbare Realität. Diese Neigung zur “Vorsorge” ist bei einem kritischen Künstler wie Gritsch aber nicht denkbar ohne sein Gegenteil: die “Entsorgung”. Dieser Aspekt begleitet grundsätzlich sein Werk und führt zuletzt zu den wohl eigentümlichsten Arbeiten, deren isolierte Einzelbetrachtung noch mehr aufs Glatteis führen als die Seifenbilder. Nach einer gewissen Lagerzeit holt der Künstler unter dem Tisch abgelagerte “Atelierleichen” hervor und zerkleinert die verunglückten Malversuche und zurückbeorderten Arbeiten zu feinen Leinwandschnitzeln. Sortiert nach einer bestimmten Farbigkeit werden diese dann mit Knochenleim angerührt und in einer A4-formatigen Passform zu Platten verpresst. Diese Verwertung nach dem Pizzaprinzip dient aber nicht vornehmlich zur besseren Endlagerung, sondern lässt einen neuen Bildtypus entstehen, der ebenso seine Verwendung an der Wand oder als Tastobjekte auf dem Tisch finden kann. Man kann gerade in diesen Arbeiten Prinzipielles über das bildnerische Denken Gritschs erfahren. In ihnen ist die zwiespältige Bilderfahrung an einen radikalen Punkt geführt; Die oben erwähnten Extreme der malerische Zustandsformen – die Leere und die Fülle – werden hier in der Polarität von Zerstörung und Neuschöpfung, fraktaler Zersetzung und äusserster Verdichtung ausgetragen. Was dieses Verfahren in seinen bunt-grauen Resultaten auszulösen vermag, ist ein Staunen über die lakonische Simplizität der materiellen Bedingungen der Malerei, die sonst unsere Sinne und unseren Geist mit der Magie der Schönheit so geheimnisvoll zu verführen weiss. Wir müssen uns aber hüten, in diesen “Pizzabildern” die Zersetzungslogik der Ironie am Werk zu sehen. Aus dem farbigen Geflimmer der verknäuelten Leinwandschnitzel spricht vielmehr der Wille nach Rekonstruktion einer nicht erreichbaren und heute auch schwer legitimierbaren Schönheit.
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