12.07.11, stefan
category: Material, artwork, recycling, technics, time

Rückseite (mit Aluminiumträger) von Stefan Gritsch, Acrylfarbe 1990/2011, 19 x 13 cm

Stefan Gritsch, Acrylfarbe 1990/2011, ca. 19 x 13 cm

Zitat aus meinem Text EIN SCHNITT IN DIE FARBHAUT ODER DAS AUFGESCHOBENE BILD. (erschienen in STEFAN GRITSCH. STILLNOW, AkkuH, Aktuele Kunst NL-Hengelo, ISBN 978-90-815041-1-9):

GESICHT UND RUECKEN

Ich kann mein Gesicht nicht sehen,

auch meinen Rücken nicht.

Ich kenne nur die Spiegelbilder

und die fotografischen Bilder meines Gesichts und meines Rückens.

Ich zitiere aus einem Brief an Joseph Marioni:…. „Can I see the back?“ („Kann ich die Rückseite sehen?“) Diese Frage hast du mir anlässlich der Eröffnung meiner Ausstellung IN SIGHT & IN TOUCH bei Margarete Roeder in New York gestellt. Du wolltest die Rückseite meiner kleinen, gelben Acrylarbeit sehen (Acrylfarbe 2002/03, Portrait, 24 x 16 x 0,7cm). Dein Interesse und deine Frage erinnern mich an eine andere Situation. Einige Jahre früher (1999) als wir unsere Arbeiten in einer gemeinsamen Ausstellung bei Monika Reitz in Frankfurt am Main (D) zeigten, ist mir folgendes aufgefallen. Bevor wir dein grosses, gelbes Bild an die Wand hängten, lag es auf einer Schutzmatte mit der Vorderseite – mit dem Gesicht – nach unten auf dem Galerieboden. Dabei konnte ich die Rückseite – die Anatomie – der Arbeit sehen, insbesondere die spezielle Form und Zurichtung des Keilrahmens. Diese Vorbereitungen sind für das Gelingen der Malerei unabdingbar. Von der oberen Bildkante lässt du die Farbe über die gespannte Leinwand nach unten fliessen. Mit Hilfe von Farbrollern steuerst und verlangsamst du den Fluss der Farbe. Diese Technik zeigt sich in der oberen Bildregion als flache, dünne Farbschicht, während im unteren Bildteil frei fliessende Farbrinnsale sichtbar sind, die sich weiter unten stauen und teilweise in Tränen über die untere Bildkante hinausragen….

(engl.)

FACE AND BACK

I cannot see my face,

nor can I see my back.

I see only mirror images

and photographed images of my face and my back.

Let me quote from a letter to Joseph Marioni: “Can I see the back?” You asked me that question at the opening of the exhibition IN SIGHT & IN TOUCH at Margarete Roeder in New York. You wanted to see the back of my small, yellow acrylic piece (Acrylic Paint, 2002/03, portrait, 24 x 16 x 0,7cm). Your interest and your question reminded me of another situation. A few years earlier, in 1999, when we showed our work together at Monika Reitz in Frankfurt am Main (D), the following struck me. Before we mounted your big, yellow picture on the wall, it was lying face down on the floor on a protective mat. That meant I could see the back of the painting, its anatomy, especially the shape and mechanics of the stretcher. Preparing the stretcher is essential to success of your painting. You let the paint flow down from the top of the canvas. With the help of rollers, you guide the paint and slow it down. This produces a flat, thin coat of paint at the top of the picture, while toward the bottom, the paint is seen as freely flowing dribbles that dam up further down and in some cases become tears dripping over the bottom edge….

30.06.11, stefan
category: Material, artwork, technics

stencil / printing plate

drawing / monotype

30.05.11, stefan
category: Falte, Material, artwork, recycling, sculpture, technics, time

11.05.11, stefan
category: sculpture, technics

die Bearbeitung von Acrylfarbvolumina

Abschrift aus Gilles Deleuze, DIFFERENZ UND WIEDERHOLUNG, Wilhelm Fink Verlag, ISBN 978-3-7705-2730-4. Seite 364-365 und Seite 377.

Es ist vielleicht der höchste Gegenstand der Kunst, all diese Wiederholungen mit ihrer wesentlichen und rhythmischen Differenz, ihrer wechselseitigen Verschiebung und Verkleidung, ihrer Divergenz und ihrer Dezentrierung gleichzeitig in Bewegung zu setzen, sie ineinander zu verschränken und sie, von der einen zur anderen, in Illusion zu hüllen, deren ‚Effekt’ sich von Fall zu Fall ändert. Die Kunst ahmt nicht nach, ahmt aber vor allem deswegen nicht nach, weil sie wiederholt und aufgrund einer inneren Macht alle Wiederholungen wiederholt (die Nachahmung ist ein Abbild, die Kunst aber Trugbild, sie verkehrt Abbilder in Trugbilder). Noch die mechanischste, alltäglichste, gewöhnlichste und völlig stereotype Wiederholung findet ihren Platz im Kunstwerk und wird dabei stets im Verhältnis zu anderen Wiederholungen verschoben, und zwar unter der Bedingung, dass man ihr eine Differenz für diese anderen Widerholungen abzulocken vermag. Denn das einzige ästhetische Problem besteht darin, die Kunst ins tägliche Leben eindringen zu lassen. Je mehr unser tägliches Leben standardisiert, stereotyp und einer immer schnelleren Reproduktion von Konsumgegenständen unterworfen erscheint, desto mehr muss die Kunst ihm sich verpflichten und jene kleine Differenz entreissen, die überdies und zur gleichen Zeit zwischen anderen Ebenen der Widerholung wirksam ist, sie muss noch die beiden Extreme der gewöhnlichen Konsumreihen in den Triebreihen der Zerstörung und des Todes widerhallen lassen und damit das Bildnis der Dummheit um das der Grausamkeit ergänzen; sie muss im Konsum ein hebephrenes Klappern der Kiefer und in den abscheulichsten Zerstörungen des Krieges noch Prozesse der Konsumtion entdecken, sie muss die Illusionen und Mystifikationen, die das wahre Wesen dieser Zivilisation ausmachen, ästhetisch reproduzieren, damit die Differenz schliesslich zum Ausdruck gelangt, mit einer im Zorn selbst repetitiven Kraft, die die fremdartigste Selektion herbeizuführen vermag, und wäre es nur eine Kontraktion hier und da, d.h. eine Freiheit zum Ende einer Welt. Jede Kunst hat ihre eigenen Techniken von verzahnten Wiederholungen, deren kritische und revolutionäre Gewalt den höchsten Punkt erreichen kann, um uns von den öden Wiederholungen der Gewohnheit zu den tiefen Wiederholungen des Gedächtnisses und dann zu den letzten Wiederholungen des Todes zu führen, in denen unsere Freiheit auf dem Spiel steht. Wir wollen hier nur drei Beispiele nennen, so verschiedenartig, so disparat sie auch sein mögen: die Art und Weise, wie in der modernen Musik alle Wiederholungen koexistieren (so bereits die Vertiefung des Leitmotivs in Bergs Wozzek); wie die Malerei der Pop-art das Abbild, das Abbild des Abbilds usw. voranzutreiben vermochte, bis hin zu jenem äussersten Punkt, an dem es sich verkehrt und zum Trugbild wird (so Warhols wunderbare „serigenetische“ Reihen, in denen alle Wiederholungen, die Widerholungen der Gewohnheit, des Gedächtnisses und des Todes vereint sind); und wie sich in den rohen und mechanischen Wiederholungen der Gewohnheit im Roman kleine Modifikationen entreissen lassen, zugunsten einer allerletzten Wiederholung, in der Leben und Tod auf dem Spiel stehen – auf die Gefahr hin, durch die Einführung einer neuen Selektion auf das Ganze zurückzuwirken, wobei alle diese Widerholungen koexistieren und doch gegeneinander verschoben sind (La modification von M. Butor; oder L’année dernière à Marienbad, im Film von Alain Resnais nach dem Drehbuch von Robbe-Grillet, Frankreich 1961).

… Die Öffnung gehört wesentlich zur Univozität. Den sesshaften Verteilungen der Analogie treten die nomadischen Verteilungen oder gekrönten Anarchien im Univoken gegenüber. Nur hier tönt es: „Alles ist gleich!“ und: „Alles kehrt wieder!“ Aber Alles ist gleich und Alles kehrt wieder kann nur dort gesagt werden, wo die äusserste Spitze der Differenz erreicht ist. Ein und dieselbe Stimme für all das Viele, das tausend Wege kennt, ein und derselbe Ozean für alle Tropfen, ein einziges Gebrüll des Seins für alle Seienden. Wenn man nur für jedes Seiende, für jeden Tropfen und jeden Weg den Zustand des Exzesses erlangt, d.h. die Differenz, die sie verschiebt und verkleidet und wiederkehren lässt, auf ihrer schwankenden Spitze kreisend.

12.04.11, stefan
category: Material, sculpture, technics

10.04.11, stefan
category: artwork, recycling, sculpture, technics

16.01.11, stefan
category: Falte, Material, artwork, bone, recycling, technics

Vor ca. 22 Jahren habe ich damit begonnen, aus den Tageszeitungen die Bilder auszuschneiden welche die Konfliktzonen und Kriegsschauplätze zeigen. Damals hatte ich diese Bilder als Ausgangsmaterial für Zeichenschablonen aus Kupfer oder andern Materialien genutzt. Das oben gezeigte Schablonenétui betrifft die damaligen (1991) Konflikte im Sudan. Heute, zwanzig Jahre später, sind die Probleme zwischen dem Norden und dem Süden immer noch die gleichen, oder anders gesagt, die Lage spitzt sich wieder. Und ich schneide immer noch die gleichen Bilder aus den Zeitungen, um damit erneut harmlose, schöne ornamentale Bilder zu machen.

12.01.11, stefan
category: Material, artwork, general, skin, technics

Zitat aus Gilles Deleuze, Die Falte, Leibniz und der Barock, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1484, S. 201: ‘Man hat festgestellt, dass der Barock oft die Malerei eingeengt und sie in Tafelbilder gezwängt hat. Das geschah aber vor allem, weil die Malerei aus ihrem Rahmen heraustritt und sich als Skulptur des polychromen Marmors realisiert; die Bildhauerei steigert und realisiert sich in der Architektur; die Architektur wiederum findet in der Fassade einen Rahmen, dieser Rahmen aber löst sich selbst vom Innern und setzt sich mit dem Umfeld solchermassen ins Verhältnis, dass die Architektur im Städtebau realisiert. An beiden Enden der Kette ist der Maler Stadtplaner geworden, und es zeigt sich eine wunderbare Entwicklung der Kontinuität der Künste in die breite oder die Extension: eine Ineinanderfügung der Rahmen, bei der jeder von einer Materie überholt wird, die quer hindurch geht. Diese extensive Einheit der Künste bildet ein Universaltheater, das Luft und Erde aufweist, und sogar Feuer und Wasser. Die Skulpturen sind darin handelnde Personen, und die Stadt ist das Bühnenbild, wobei die Zuschauer selbst gemalte Bilder oder Skulpturen sind. Die Kunst wird ganz und gar socius, öffentlicher, von barocken Tänzern bevölkerter  sozialer Raum. Vielleicht kann man im modernen Informel diese Vorliebe wiederfinden, sich “zwischen” zwei Künsten einzurichten, zwischen Malerei und Bildhauerei, zwischen Bildhauerei und Architektur, um damit eine Einheit der Künste als “Performance” zu erreichen und den Zuschauer in diese Performance einzubeziehen. (Die flachen Skulpturen von Carl Andre, wie auch die Konzeption der “Räume”, im Sinne von Räumen einer Wohnung, geben nicht nur ein gutes Beispiel für den Uebergang Malerei – Bildhauerei, Bildhauerei – Architektur, sondern auch für die extensive Einheit der sogenannten minimal art, bei der Form nicht mehr ein Volumen begrenzt, sondern einen in allen Richtungen unbegrenzten Raum umfasst. Man mag vor der typisch Leibnizschen Situation erstaunen, die Tony Smith heraufbeschwört: ein geschlossenes Auto fährt auf einer Autobahn, die nur seine Scheinwerfer erleuchten und deren Asphalt über die Windschutzscheibe rast. Das ist eine Monade mit ihrem privilegierten Gebiet. Gegen den Einwand, es sei hier nichts absolut abgeschlossen, weil der Asphalt draussen sei, lässt sich erinnern, dass der Neo-Leibnizianismus eher nach einem absoluten Erfassen als einem Abschliessen verlangt; selbst hier aber kann die Abschliessung als vollkommen gelten, insofern der Asphalt draussen nichts mit dem zu tun hat, der über die Scheibe wegzieht. Man müsste die explizit barocken Themen in der minimal art und bereits im Konstruktivismus einmal genau untersuchen, vgl. die schöne Analyse des Barock von Wladislaw Streminski und K. Kobro, “La composition de l’espace. Les calculs du rythme spatio-temporel”, in : L’espace uniste. Ecrits du constructivisme plonais, Lausanne: L’âge d’homme 1977, und Artstudio Nr. 6, Herbst 1987: darin die Afsätze von Jean-Pierre Criqui über Tony Smith , von Michel Assenmaker über Carl Andre, von Germano Celant über Donald Judd, von Marjorie Welish über Sol LeWitt, und von Claude Gintz über Robert Morris, worin eine Gegenüberstellung mit dem Barock vorgenommen wird, man beachte besonders die Samtfalten von Morris, 121, 131. Auch eine spezielle Utersuchung der “Performances” von Christo müsste unternommen werden: die gigantischen Einhüllungen und die Falten dieser Hüllen.) Falten – Entfalten, Umhüllen – Entwickeln sind die Konstanten dieser Operation, heute wie im Barock. Dieses Theater der Künste ist die lebendige Maschine des “Neuen Systems”, wie es Leibniz beschreibt, eine unendliche Maschine, deren Teile ebenfalls Maschinen sind, “unterschiedlich gefaltet und mehr oder weniger entwickelt”.’

12.12.10, stefan
category: artwork, bone, flesh, nature, sculpture, technics

Acryfarbe und Knochen 2010, Durchmesser je ca. 12 cm, Dicke je ca. 2,5 cm

08.12.10, stefan
category: artwork, technics

(Detail)

Stefan Gritsch, Hommage à Vermeer, Leinwand, Grundierung, Acrylfarbe (Abreissbild), 120cm x 100cm

05.12.10, stefan
category: Material, nature, sculpture, technics

Schon als als Knabe hat es mir immer besonders viel Vergnügen bereitet, eine Orange oder eine Mandarine so zu schälen, dass jeweils die Schale als Haut an einem Stück vor mir lag. Auch heute tue ich das immer noch auf diese Weise als eine lustige Wiederholung einer sinnlosen Tätigkeit. Lässt man diese Fruchthäute liegen, trocknen sie zu bizarren Kleinskulpturen aus (die Orangenschalen haben beim Austrocknen die Tendenz sich so einzurollen, dass ihre helle Innenseite nach aussen hin zeigen), sie lassen sich aber auch zu flachen Abwicklungen pressen. Letztes Jahr habe ich damit begonnen einzelne Häute wieder so zusammenzunähen, sodass sich jetzt die Innenhaut der Orange als helle Aussenhaut eines Hohlkörpers zeigt.

Zitat aus Markus Brüderlin, Der Sinn der Sinnlichkeit und die Daseins-Arroganz des Bildes, erschienen im Katalog zu der Ausstellung Stefan Gritsch, Aargauer Kunsthaus Aarau 5. Mai bis 17 Juni 1990:

Die Zelle der Autonomie und die Schale der Wirklichkeit

Stefan Gritsch hat in der Frühphase seines Schaffens das aus dem Häutungsvorgang gewonnene Werkverständnis zunächst als thematisch und motivisches Muster ins Bild hineingenommen. Eine gewisse Zeit beschäftigte er sich mit dem veristischen Abzeichnen einer präparierten Froschhaut und eines Kittels. Die Detailgenauigkeit und Akribie, mit denen er das “Vorbild” übertrug, sorgten für eine derartige Nähe zum Gegenstand, als wären die Blätter ohne formende Wahrnehmung direkt vom Objekt abgeschält worden , ähnlich wie uns der Film einer Fotografie als eine von der Wirklichkeit abgehäutete Oberfläche erscheinen kann. Zunehmend schlägt diese affektive Bindung an das gesehene Objekt, in der der Künstler mit fast manischer Obsession dem vermeintlichen Pulsieren des verschwundenen Körpers nachzuspüren scheint, um in eine Befragung der Realität des Bildes, das nunmehr als ein von der Wirklichkeit völlig isoliertes Medium betrachtet wird.

Als markantes Beispiel für diese neu erreichte Autonomie möchte ich auf eine Zeichnung aus dem Jahre 1984 verweisen. Das 30 x 42 Zentimeter grosse Blatt zeigt eine kreisförmig mit Farbstift zugestrichekte Fläche, in dren Mitte eine nicht identifizierbare Umrissfigur ausgespart wurde. Diese verdankt ihre Form einem Abfallprodukte, einer abgepellten Orangenschale, die, von ihrem Inhalt entkernt und plattgedrückt, quasi als Schablone zum eigentlichen, aber getarnten Bildgehalt avancierte. Das Wissen um diesen Künstlerischen Findungsprozess, das weder aus dem Titel noch aus der Zeichnung selbst gewonnen werden kann, vergegenwärtigt exemplarisch die Uebertragung vom dreidimensionalen Gegenstand in die zweidimensionale Fläche. “Haarscharf” wird die Haut der Kunst mit der Haut der Wriklichkeit zur Deckung gebracht, so dass letztere gar hinter der ersteren verschwindet. Sinnfällig wird dieser Vorgang des Verdeckens in dem vexierbildartigen Austausch von Figur und Grund, in dem die eigentliche Figur de facto als ausgesparter Grund vorhanden ist und der Grund als zugestricheltes Umfeld, das die Form wie eine “mitgemalte Aura” umspielt. Aus diesem Umkehrphänomen leitete Gritsch einen grundsätzlichen ästhetischen Mechanismus ab, der fortan in dem komplexen Wechselspiel von Positiv und Negativ, Körper und Fläche die Wirklichkeit als Gussform der Kunst und umgekehrt die Kunst als Schablone der Wirklichkeit plausibel macht. Es hat schon einen besonderen (Erkenntnis-)Reiz, dass gerade dort, wo der künstlerische Gegenstand durch Abstraktion am weitesten von der Realität erscheint, diese Realität in nächster Nähe lauert – ei fast metaphysischer Zustand, der an Walter Benjamins Sentenz über die Aura erinnert, die die Erscheinung einer Ferne vermittelt, so nahe das auch sein mag, was sie hervorruft. (Das deckungsgleiche Zusammenfallen findet in dieser Arbeit zusätzlich auf der begrifflichen Ebene ein Aequivalent: bei dem gewählten Gegenstand fällt nämlich die Objektbezeichnung “Orange” zusammen mit dem signifikanten Aspekt seiner Erscheinungsweise, der Farbe “Orange” zusammen. Diese “buchstäbliche” Verdoppelung markiert ebenfalls eine Gritsch’sche Charakteristik der Beziehung zwischen Realität und Bildautonomie, die trotz der angespielten Identität den differenzbildenden Schnitt der abgetrennten Häute zum zentralen Inhalt der Kunst macht).

In der hier besprochenen Zeichnung wurde noch eine weitere formale Eigenschaft entwickelt, die einen wichtigen Schritt vom verweisenden Bildmotiv zur Versachlichung der Malerei als eigene, objekthafte Realität belegt. Die kraftfeldartig die unförmige “Schalenfigur” umspielende Füllung der Farbstiftstruktur bahnt eine Vermittlung an, die die unregelmässige Binnenform mit der regelmässigen Kontur des rechteckigen Blattrandes “versöhnt”. Das Verfahren erinnert an Frank Stellas Angleichung der Binnenform an das Bildgeviert durch deren Rationalisierung in ein gleichmässiges Muster. Der Amerikaner versuchte damals, Ende der fünfziger Jahre, in seinen Black Paintings eine objekthafte Identität von Träger und Malerei zu erreichen. Doch Gritsch ging es nicht um die Eliminierung des Bildillusionismus und jeglicher Referentialität als vielmehr um die Erzeugung einer homogenen Malhaut, in die sich gleichwohl die Spur gelebter Erfahrung einschreibt oder die eine verdeckte Wirklichkeit birgt.



12.11.10, stefan
category: Material, artwork, recycling, research, technics

Acrylfarbe (GAZA), Motiv gelasert in die Acrylfarbhaut (scan)